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Herbstforum in Leck bot viele interessante Impulse

20.10.2018

Für das diesjährige Herbstforum ging es hoch in den Norden Deutschlands, in die Nordsee Akademie nach Leck. Dort erfolgte die 74. überregionale Veranstaltung vom 14. bis 16. September 2018 zum Thema „Europäische Erzählungen – Grenzerfahrungen und Zukunftsideen“.

 

Wie gewohnt begrüßten am Freitag zunächst die beiden Vorsitzenden Gundula Grommé und Barbara Hackenschmidt die anwesenden Frauen. Sie gaben einen ersten Einblick in den Ablauf sowie einige organisatorische Hinweise. Außerdem wurde das Geburtstagskind des Tages, Christine Liebold, mit einem Ständchen und einem Geburtstagskuchen sowie zahlreichen Glückwünschen bedacht.

 

Thematisch stimmte Barbara Hackenschmidt die Anwesenden mit Europäischen Erzählungen – Gedanken zum Forenthema ein. Dabei erzählte sie zunächst von eigenen Erlebnissen aus ihrer Kindheit und Jugend bei Reisen nach Polen und wie diese ihr Interesse an Europa bzw. anderen Kulturen weckten.

Anschließend ging sie auf das Schwerpunktthema des Forums: „Minderheiten“ ein und berichtete, dass es seit den 1960er Jahren eine bis heute nicht abgeschlossene Debatte darüber gibt, wie „Minderheiten“ definiert werden sollen. Sie informierte, dass es in Europa etwa 100 Millionen Menschen gibt, die einer Minderheit angehören. Diese Menschen gehören einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe an. Beispielhaft benannte sie Ungarn in Rumänien, Katalanen in Spanien oder auch die deutschsprachige Bevölkerung in Tirol. Weiterhin ging sie auf die Gruppen der Friesen, Sorben sowie Sinti und Roma ein. Sie erwähnte Grenzverschiebungen der Geschichte und die damit entstandenen Gruppen der Minderheiten an den deutschen Grenzen und deren heutiges Miteinander sowie die Minderheiten der Migranten.

 

Der Abend klang mit dem Filmbeitrag „Was uns teilt – was uns eint“ Die Europa-Saga, Teil 5 der Terra X-Dokumentation über die Wurzeln des modernen Europas aus.

 

Bevor es am Samstag mit Referaten und Diskussionsrunden weiterging, kamen die teilnehmenden Frauen des Forums in den bekannten Kleingruppengesprächen Wie wir wurden, was wir sind zum Thema „Was weiß ich über Minderheiten an den Grenzen Europas?“ zusammen.

 

Eine besondere Herausforderung an diesem Tage stellte der folgende Vortrag von Frau Prof. Dr. Tove Malloy dar. Dieser wurde von ihr zum Thema Women in Minorities: Monitoring Gender Equality in Law and Practice“ ausschließlich in englischer Sprache gehalten. Unterstützend wurde eine Übersetzung des Vortrages zur Verfügung gestellt und Gundula Grommé fasste die Aussagen auf deutsch zusammen. Eine Einführung zur Biographie der Referentin erfolgt durch Barbara Hackenschmidt.

Frau Prof. Dr. Malloy arbeitet am European Centre for Minority Issues (ECMI) in Flensburg. Dieses wurde 1996 von den Regierungen Deutschlands, Dänemarks und Schleswig-Holsteins gegründet und wird auch überwiegend von diesen finanziert. Es wird zum Thema Minderheiten geforscht und es werden verschiedene Projekte in europäischen Ländern, aber auch darüber hinaus, beispielsweise in den Balkanstaaten, durchgeführt. Sie berichtete, dass die Mitarbeiter/innen des ECMI mit den Minderheiten in Kontakt treten und vor allem Orte aufsuchen, an denen Frauen tätig sind bzw. sein dürfen, um mit diesen ins Gespräch zu kommen. Sie informierte von Rückmeldungen ihrer Arbeit an politische Gremien und Verwaltungen der jeweiligen Länder.

In ihrem Vortrag „Überwachung der Gleichstellung der Geschlechter in Gesetz und Praxis“ stellte Frau Prof. Dr. Malloy die Stellung der Frauen in Minderheiten in den Mittelpunkt. Sie sprach Varianten der Diskriminierung innerhalb und außerhalb der eigenen Minderheit – als Frau und als Mitglied einer Minderheit – an. Sie ging außerdem auf die in Europa angestrebte Geschlechtergleichheit ein und berichtete von der Herausforderung der Frauen in Minderheiten ihre Rechte auf Gleichheit einzufordern. Weiterhin benannte sie Möglichkeiten, wie diese Frauen im Rahmen der Gleichstellung gestärkt werden könnten. Sie wies auf die Diskrepanz hin, dass Gesetze, die der Umsetzung von allgemeinen Menschenrechten dienen, nicht automatisch auch vor geschlechtsspezifischer Diskriminierung sowie die Diskriminierung von Minderheiten schützen und gab dafür Beispiele (z.B. die UN-Konvention zur Überwindung von rassistischer Diskriminierung). Dies erschwere den Frauen in Minderheiten ihre Rechte einzufordern und durchzusetzen.

 

Nach der Mittagspause lernten wir Frau Claudia Knauer kennen. Sie bezeichnete sich selbst als „geborene Deutsche und gelernte Dänin“, die seit etwa 20 Jahren in Süddänemark lebt und arbeitet. Sie gehört damit zur deutschen Minderheit in Dänemark.

Ihr Vortrag stand unter der Überschrift Die Deutsch-Dänische Grenzregion – bedeutende politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte.

Zunächst beantwortete sie zahlreiche Fragen der anwesenden Frauen. So informierte sie, dass Dänemark kaum mit Deutschland zu vergleichen ist und gab dazu Beispiele aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben (beispielsweise die Bedeutung des lebenslangen Lernens, die soziale Absicherung, das bestimmende Gemeinschaftsprinzip,...).

Sie berichtete dann von dem seit 1955 existierenden Abkommen mit der BRD zur Anerkennung der deutschen Minderheit in Dänemark bzw. der dänischen Minderheit in Deutschland. Weiterhin sprach sie vom täglichen Miteinander (z.B. eigene Schulen der jeweiligen Minderheit) und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Dänemark und Deutschland, z.B. im medizinischen Bereich oder bei der Feuerwehr. Als andauernde Herausforderung beschrieb sie die Sprachbarrieren. Zusammenfassend benannte sie das Leben in der Grenzregion jedoch als Bereicherung.

 

Ruth Candussi, Mitglied der Schleswigschen Partei in Dänemark, und Anke Spoorendonk, Mitglied des Südschleswigschen Wählerverbandes in Deutschland, berichteten zu Thema Politisches Engagement als Minderheit in der Deutsch-Dänischen Grenzregion. Zunächst stellte Barbara Hackenschmidt beide anhand ihrer Biographien vor. Anschließend berichteten die Referentinnen nacheinander von ihren jeweiligen politischen Vereinigungen:

Frau Candussi berichtete eingangs über die 1920 gegründete schleswigsche Wählervereinigung der deutschen Minderheit, die im selben Jahr erstmals im dänischen Parlament antrat und bis in die 1960er Jahre ein Mandat hielt. Seit 1983 existiert in Kopenhagen ein deutsches Sekretariat. Heute, so gab sie bekannt, ist die mitgliederlose Partei die einzige Regionalpartei in Nordschleswig. Die Partei versteht sich als Partei der Mitte und hat eigene Themenschwerpunkte, wie z.B. die Forderung nach gleichen Rechten für dänische und deutsche Schulen in Dänemark. Sie setzt sich für Vielfalt und Zusammenarbeit ein und organisiert beispielsweise grenzüberschreitende Projekte für junge Leute oder engagiert sich im Netzwerk der Jugend europäischer Volksgruppen. Abschließend ging sie auf die Kommunalwahlergebnisse nach der Strukturreform 2007 ein.

Frau Spoorendonk informierte anschließend von der dänischen Minderheit in Deutschland, die sich ebenfalls 1920 zusammenschloss. Seit 1948 existiert der Wählerverband als anerkannte Partei. Sie berichtete von der Verfolgung der Minderheit während der Nazi-Zeit sowie dem Zuwachs der Mitglieder und deren politische Arbeit nach dem zweiten Weltkrieg. Sie beschrieb die heutigen Zielsetzungen: u.a. Stärkung der Minderheit und die Weiterentwicklung von Schleswig. Die Partei versteht sich nicht nur als Vertretung der dänischen Minderheit in Deutschland, sondern als Volkspartei. Sie beschäftigt sich als Partei der Mitte mit vielen relevanten Themen, wie zum Beispiel Chancengleichheit und Sozialpolitik. Derzeit gibt es 3.420 Mitglieder, von denen derzeit drei im schleswig-holsteinischen Landtag vertreten sind. Etwa 40.000 bis 50.000 Menschen zählen sich per Willenserklärung (nicht genau erfassbar) zur dänischen Minderheit in Deutschland.

In den letzten 20 Jahren sind beide Minderheiten aufeinander zu gegangen: „von Gegeneinander zu Miteinander und Füreinander“.

 

Mit einer Lesung von Marlies Wiedenhaupt, Journalistin aus Husum, aus ihrem Buch Stine fand der Forentag ein Ende. In ihrem Buch erzählt die Autorin auf erfrischende Weise die Biographie einer Bäuerin aus Husum, von deren Leben und ihre ganz eigene Art einen Hof zu führen.

 

Eine der neuen Schirmfrauen der Frauenbrücke Ost-West e.V., Ska Keller, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament, lernten wir am Sonntag kennen. Sie referierte zum Thema Strategien gegen Rechtspopulismus und Ausgrenzung in Europa. Auch sie wurde anfangs mittels biographischer Fakten durch Barbara Hackenschmidt vorgestellt.

In ihrem Vortrag ging sie zunächst auf den Begriff Populismus, die Verharmlosung und Vereinfachung von Sachverhalten, ein. Anschließend spannte sie den Bogen zum europäischen Rechtsnationalismus, wie beispielsweise in Ungarn und Italien, aber auch Schweden oder Österreich, deren Anhänger Ausgrenzung und Schuld an allem Schlechten (z.B. Arbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit,...) den „Ausländern“, den „Anderen“ zuschreiben, statt sich mit Problemlösungen und den tatsächlichen Ursachen zu beschäftigen.

Sie berichtete, dass in der EU seit längerem ein Rechtsdruck zu beobachten ist und für die EU-Wahl 2019 eine weitere Zunahme erwartet wird. Sie nimmt wahr, dass rechtspopulistische Parteien im EU-Parlament sich aktuell (noch?) bei Gesetzgebungen heraushalten, während sie im Plenum Reden halten. Sie benannte Strategien, wie dem Trend des Rechtsnationalismus begegnet werden kann. Dazu gehörten: Ignorieren/ Negieren, rechtliche Beschränkungen vornehmen, Kooperation durch Koalition, Isolierung, Übernahme von Inhalten sowie Präventionsmaßnahmen in Form von erlebbarer Demokratie. Unterstrichen wurden die Strategien durch verschiedene Beispiele.

 

Im abschließenden Impulsreferat griff Barbara Hackenschmidt die Frage Zwischen neuen Ideen, Neo-Nationalismus und Brexit – Wie kann eine Zukunft für Europa aussehen? auf. In diesem ging sie zunächst auf Pulse of Europe und deren Weiterentwicklung zu Europäischen Hausparlamenten, die an die Salontradition anknüpfen, ein. Ziel der Bewegung sei es, Europa wieder sichtbar und hörbar zu machen. Des Weiteren wies sie auf den Euromat zur Europa-Wahl 2019 im Internet hin und teilte ihre Wahrnehmung mit, dass es „Zeit ist die eigenen Geschichten zu erzählen“, um die Motivation für Europa wieder zu wecken.

 

Die Verabschiedung und der Dank an die Teilnehmenden des Herbstforums 2018 erfolgten abschließend gemeinsam durch Gundula Grommé und Barbara Hackenschmidt.

 

Foto: Vorstandsfrauen freuten sich über den Besuch der neuen Schirmfrau Ska Keller